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Zentrum-West

Wer die Abkürzung mag, den treibt es bald über die Bretter, der fühlt sich geschickt, per Schleichweg den Kanal zu überqueren. Ein kleiner Kanal, mitten in Leipzig. Im trüben Wasser liest der Besucher »KUNSTHALLE«. Die Buchstaben, seltsam verspiegelt, wurden an der Kanalwand platziert, knapp über der Wasseroberfläche. Erst im Fluss wird das Objekt zu einem lesbaren Schriftzug. Und zwar bei Tag und Nacht, das ist schon besonders.

Nur eine Möglichkeit gibt es für das Objekt, sich nicht zu spiegeln, den Besucher ganz ratlos zu belassen. Das passiert, wenn der Fluss klar ist, durchsichtig und sauber gespült vom eisigen Wetter, das die Strömung fast gefrieren ließe, wäre sie nicht gefangen in immer gleicher Rastlosigkeit, die auch Trägheit ist. Dann spiegelt sich das Objekt nicht. Dann fällt sein Schatten bloß nach unten und hindurch, bis auf den kiesbedeckten Grund des Kanals, von wo es noch kurz unleserlich verschwommen auf den Besucher zurückblickt und schließlich aufhört zu sein.

An trüben Tage wiederum werden die schmutzigen Spiegel der Stadt erst sichtbar. Spiegel, die nur spiegeln, weil sie den Dreck vergangener Jahre tragen. Stolz, ihn gefressen zu haben, in Erwartung von Objekten, denen sie zu Schriftzügen, Skulpturen, Malereien, Gedichten verhelfen. Denen sie zu Geschichten verhelfen.