#9

Lindenau

Ich sitze in einem Café und starre auf den blauen Monitor vor mir. Ich scrolle durch verschiedene Fotografien, durch Thumbnails von Bergen im Nebel, Sonnenuntergang, blauer Tannenwald, scheißegal. Auf den Bildern sind Orte, an denen ich nicht bin, aber mich interessieren nur die animierten Bildübergänge, sie sind weich und schön.

Ich werfe eine Münze zur Bar, so fest ich kann, die Münze prallt ab und landet wieder in meiner Hand, ich untersuche sie. Die Münze ist makellos. Ich bin unsichtbar. Ich vermisse niemanden. Ich glaube, ich bin wirklich hier. Ich stelle keine Fragen mehr. Das ist also das Jetzt und dass man jetzt in einem Café sitzen und alle unverhohlen beobachten kann, das ist die eigentliche Errungenschaft unserer Zeit. Vom blauen Bildschirm lasse ich mich hypnotisieren, von einem kreisrunden Ladebalken, der verzweifelt seinem eigenen Schwanz nachjagt. Die Bilder verschwimmen, ich kann die Tannennadeln nicht mehr erkennen, ich möchte alles kurz und klein hauen, alles zu Pixeln, einem Mosaik.

Aber stattdessen lege ich das Geldstück auf die Rechnung auf meinem Tisch. Der Barmann nimmt es, ich verlange es zurück. Er gibt es mir und ich lege es sofort wieder in seine Hand. Ich verlasse das Café und denke: Ich vermisse alle.