#6

Lindenau

Der Himmel atmet Stöße grünen Lichts aus und treibt große Rauchschwaden hinter dem Dach des Hauses hervor, das über der geschwungenen Straße thront. Unzählige Gruppen stehen draußen und blicken abwechselnd auf die mit Feuerwerkskörpern traktierte Straße und hoch zum Himmel, der hektisch Schwarzpulver ein- und Farben ausatmet.

Es scheint, als fände seit einer Minute ein großer stadtumspannender Wettbewerb statt, bei dem es darum ginge, welches Team die meisten Farben und den größten Lärm innerhalb der ersten Minuten des neuen Jahres erzeugen könnte.
Ich stelle mir würdevolle, schwer zu beeindruckende Schiedsrichter vor mit Klemmbrettern zum Notieren der erreichten Farbnuancen und Messgeräten zur Aufzeichnung von Schalldruckpegel und Frequenzspektrum. Aber wer würde solch ein Amt heute Nacht schon übernehmen wollen?

Die Lichter einer Straßenbahn nähern sich von Norden her und ich wundere mich, was für ein Tumult da drin jetzt wohl los sein muss. Die Bahn rasselt vorbei und ich sehe: nichts ist los. Vereinzelte Fahrgäste, schweigend vor sich hin blickend und dem Geschehen draußen keine Beachtung schenkend. Das alltägliche Bild wirkt heute, jetzt, merkwürdig würdevoll. Ich bin verwirrt, gerade das hatte ich nicht erwartet – da fällt es mir wie Schuppen von den Augen: Die Schiedsrichter sind eingetroffen, ihr Amt anzutreten.