#21

Lindenau

Schon von weitem kündet ein vor dem Eckladen stehender Lautsprecher von den Vorgängen im Innern. Großformatige Fenster ermöglichen es, im Vorbeilaufen hineinzublicken, aber nach dem Eingang muss man etwas suchen, denn der liegt unscheinbar und dunkel ganz am Ende der hellen Fassade.

Mitten in dem unverputzten Raum ein riesiger Tisch voller Bücher unzähliger kleiner Verlage, die heute ihre dichtenden Gesandtschaften hierhergeschickt haben. Die Menschen werden von seiner majestätischen Masse an die Ränder des Raumes gedrängt, ihre Oberkörper, übereinander geschlagenen Beine, sachte wippenden Fußspitzen und verschränkten Arme zeigen in den Raum hinein, die Köpfe sind fast alle seitlich in Richtung einer kleinen Person am Ende des Saales gedreht. Sie hat einen Stoß Blätter vor sich und spricht leise in ein Mikrofon. Einige Male fährt eine Straßenbahn sehr nahe an den Fenstern vorbei und unterstreicht krachend einige ihrer Zeilen wie mit einem dicken Filzstift.

Vor den Fenstern kommen Gruppen von Menschen zusammen, die hineinspähen. Blickt man sie an und sie merken es, ziehen sie sich hinter die an den Scheiben klebenden Poster zurück oder tun so, als stünden sie rein zufällig hier. Einige von ihnen versuchen, möglichst unauffällig hineinzukommen, andere drehen sich nach einer Weile um und verschwinden in die wortlose Nacht.