#19

Bahnhof

Auch wenn man als Bewohner einer großen Stadt ein von Ritualen bestimmtes Leben gerne der Landbevölkerung zum Vorwurf macht, so entwickelt auch eine Großstadt ihre Bräuche – zwar misstrauischer gegenüber Traditionen, aber dennoch. Mein Ritual ist die monatliche Reise in die Hauptstadt und die Busfahrt zurück, die behäbige Einfahrt über den Autobahnzubringer, weiter durch die nördliche Peripherie ins Zentrum, zur Haltestelle neben dem Teich.

Es gibt ein anderes Ritual, das sich die Großstädter zum Jahresende neu zugelegt haben. Die Stadt teilt sich dabei in zwei Lager. Gegenseitig wirft man sich Verrat vor, Verrat an der städtischen Idee, deren Schutz sich immerhin alle verschrieben haben.

Mein hauptstädtischer Reisebus erreicht Leipzig, öffnet seine Türen direkt vor den Fahnenschwenkern, die dort versammelt sind um sich zum Augustusplatz fortzuschreien. Die Polizeitrupps sind derweil mit dem Schutz der öffentlichen Ordnung beschäftigt. Aber saß hinten im Bus nicht gerade noch eine arabische Familie? Ich kann sie nirgendwo finden. Ein Anflug von Panik, doch dann die Gewissheit: Sie sind schon an der Messehaltestelle ausgestiegen und außer Gefahr. Ich warte noch, bis sich der lärmende Mob in Bewegung gesetzt hat und verschwinde dann im Hauptbahnhof, in dessen hohen Hallen die Frage nach der rechtmäßigen städtischen Idee unendlich unbedeutend erscheint.