#22

Eisenbahn-Straße

Ich sitze im Park, Spanien vielleicht, bestimmt Sevilla. Gerade waren die Schatten noch lang, jetzt sind sie weg und das indirekte Sonnenlicht zeichnet die scharfen Konturen von Ronaldo, Hummels und Messi, die dem Ball hinterherjagen, während ihre Mütter ihnen hinterherjagen, um sie nach Hause zu treiben und ihnen den Schmutz abzuwaschen, den ein erster Frühlingstag nun mal mit sich bringt. Nachdem die Stars den Platz verlassen haben, verlasse auch ich die Tribüne.

Wie das wahrscheinlich üblich ist, liegen die Nerven nach dem Spiel blank. Ein Familienvater kann und will seine Wut nicht mehr verbergen. „DU HURENSOHN! ICH FICK DEINE MUTTER!“ Er sieht bissig aus, den Unterkiefer nach vorne geschoben, kampfbereit. Der Fahrradfahrer, den er vor sich hertreibt, kreist in sicherem Abstand und winkt bedrohlich. Vor der Haustür angekommen, erkenne ich aus den Augenwinkeln, wie eine Frau aus der benachbarten Sportkneipe stürmt, wutentbrannt attackiert sie ihre Haare. Wahrscheinlich hat sie auf das Spiel gewettet, sicherlich verloren und gerade liefen die letzten Minuten der Übertragung.

Das Zimmer im 4. Stock betrete ich das erste Mal. Mein Blick findet eine rot-schwarze Flaggensammlung, regionale Vereinsflaggen, denke ich mir, bevor ich den Brief auf dem Schreibtisch sehe, dessen Briefkopf mir sagt: Ich bin in Leipzig.