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Clara-Zetkin-Park

Am Park tragen sie seit einiger Zeit den Asphalt rund um den Kreisel ab. Darunter finden sie ein uraltes Kopfsteinpflaster, das auf keinem Plan verzeichnet ist. Ein Bauhistoriker schätzt das Alter auf mindestens ein Jahrhundert. Zwischen den losen Pflastersteinen steckt ein Zettel, der sehr ordentlich mit kyrillischen Buchstaben beschrieben ist. Es gehört nicht viel dazu, um anzunehmen, dass er bewusst dort platziert worden ist.

Einen Tag später fahre ich wieder an der Baustelle vorbei. Über Nacht haben sie das ganze Pflaster entfernt und weggeschafft. Baustellen funktionieren nach einer ganz eigenen Logik. Here today, gone tomorrow. Warum stelle ich mir das kreisrunde Verlegen von Pflastersteinen plötzlich meditativ vor? Der berühmteste Sprayer der Stadt hat bereits sein Zeichen auf einem der Randsteine gemacht. ”Snow”, im Mai. Der Kreisverkehr ist jetzt zweispurig asphaltiert, nachdem im letzten Jahr ein Radfahrer von einem Lastwagen totgefahren wurde. Bei einem zweispurigen Kreisverkehr wird das nicht mehr vorkommen, hofft man im Rathaus, das wie eine mittelalterliche Trutzburg mit seinem hohen Turm über die Straßen Leipzigs wacht und aus dem die Geschicke der Stadt gelenkt werden.

Von dem Zettel mit der geheimen Botschaft fehlt natürlich jede Spur. Kyrillisch können hier aber ohnehin nur noch die wenigsten.