#30

Zentrum-West

Im Gleichklang einer Nacht kommt es von draußen plötzlich laut herein, es drückt sich durch die offene Tür des Cafés im Erdgeschoss, bis sie aufschwingt und die Menschen auf die Straße spült, mit öligem Haar wie dampfender Tang. Das Geschrei durchschneidet als Faserrisse unsere vierstöckige Straßenschlucht, im Erker habe ich einen unsichtbaren Logenplatz und mache es mir bequem. Im Rausch feiern die Schüler der Schauspielschule da unten ihr Fest, während der Rest der Straße schlaflos liegt und lauscht. Mehr

#28

Zentrum-West

Als ich frühmorgens einmal schwer verschoben aus einem der unterirdischen Tanztempel herausgekrochen kam und auf mir unbekannte Weise tatsächlich nach Hause gelangt war, trieb mich meine Schlaflosigkeit in einen Zustand nahe des Irrsinns. Ich flüchtete mich aufs Dach unseres Mietshauses und durchkämmte wie im Wahn den Himmel nach irgendetwas, woran ich meine rasenden Gedanken hängen konnte. Außer den Vögeln und Flugzeugen war er allerdings scheußlich leer und die Sonne war drauf und dran meinen Körper in Brand zu stecken. Mehr

#23

Bahnhof

Du bist durch den Hauptbahnhof im Untergrund verschwunden. Deine Freunde sind durch den Westausgang wieder rausgekommen und gehen jetzt in die Stadt, denn es gibt noch was zu tun. Fleischergasse. Tattoostudio. Später Rathausplatz, Dönerladen. Vielleicht auch ein paar Bullen. Solche Dummheiten machst du aber nicht mehr mit. Geht schon mal, sagst du, ich fahre heim, sagst du auch. Verpiss dich, sagen deine Freunde. Mehr

#19

Bahnhof

Auch wenn man als Bewohner einer großen Stadt ein von Ritualen bestimmtes Leben gerne der Landbevölkerung zum Vorwurf macht, so entwickelt auch eine Großstadt ihre Bräuche – zwar misstrauischer gegenüber Traditionen, aber dennoch. Mein Ritual ist die monatliche Reise in die Hauptstadt und die Busfahrt zurück, die behäbige Einfahrt über den Autobahnzubringer, weiter durch die nördliche Peripherie ins Zentrum, zur Haltestelle neben dem Teich. Mehr

#12

Clara-Zetkin-Park

Ein junger Vater sitzt samt Sohn auf der Sachsenbrücke, ganz lethargisch, denn es ist Sonntag und da ist Lethargie schon mal erlaubt. Rechts von ihnen trinken drei Punks ihre Biere und klimpern mit ihren Schlüsseln, die sie an die Gürtelschlaufen karabiniert haben. Die Kronkorken fliegen, der Letzte schnippt seinen bis fast zur anderen Straßenseite. Der weiße Stern bleibt oben liegen, genauso hatte er sich das vorgestellt. Mehr